Fiasco meets Disaster (2016/17)

Videoscreening


 

Cover

FIASCO MEETS DISASTER  zeigt acht Worst Case-Szenarien inmitten der Kunstwelt. Die medialen Arbeiten verbinden Begriffe wie Zerstörung, Mord und Todschlag, Katastrophe, Scheitern. Die ProtagonistInnen sind diesmal ein Krankenhausbett, eine Kunstausstellung, zwei KomissarInnen, der öffentliche Raum, eine Maschine, eine Bulldogge, ein Diplomfilm, die Golden Gate Bridge und ein Museumswächter.

Foto: Performance „Cover“, 2013, © Susanna Flock/Leonhard Müllner

 


 

MANDEVILLE
Cornelia Fachinger, 2011

WAS IT INTENDED AS THE FINAL PROJECT?
Julia Marx, 2016

TÖDLICHE IDENTITÄT
Michael Gülzow/Michael Simku, 2015

DIE RECHTE DES GEHSTEIGS
Anna Witt, 2012

ANNA VASOF
Machine, 2015

WORKING PROCESS
Carlos von den Hügeln, 2012

REISEMOBIL-STELLPLATZ / 1230 WIEN
unsichtbare Lenker (des Geschehens auf der Bühne)
Julia Novacek, 2015

DEAR JUMPER
Byung Chul Kim, 2007

COVER
Susanna Flock, Leonhard Müllner, 2013

 


 

2016: Catweazle vs. Cecilia Giménez

Fiasko steht der Definition nach für einen großen Misserfolg, Fehlschlag oder Reinfall. Ursprünglich aus der Theatersprache kommend, bedeutet es ein Stück, das beim Publikum nicht ankommt. Fiasco bezeichnet im Italienischen auch eine dickbauchige Weinflasche (Duden, Herkunftswörterbuch, Mannheim 2001, S. 215). Fiaskos Fiasko ist eine Episode aus der achten Staffel von Spongebob Schwammkopf, in der Plankton aus Versehen ein Kunstwerk des Künstlers Fiasko statt eines Krabbenburgers stiehlt.

Desaster wird als Unglück, Zusammenbruch und katastrophaler Misserfolg definiert. Die wörtliche Übersetzung aus dem Französischen désastre und dem Italienischen disastro ist „Unstern“. (Duden, Herkunftswörterbuch, Mannheim 2001, S. 141.)

Das unbeabsichtigte Zerstören von Kunst hat Tradition und könnte sich, wäre es nicht „ohne Absicht“ passiert, einreihen als performativer Akt zwischen Antikunst und Verweigerungskunst, „(…) die das destruktive Moment nutzen, um Unruhe, einen Bruch mit dem Gefügten und Glänzenden, mit dem Geschmackvollen und Fetischhaften der Kunst zum Ausdruck zu bringen.“ (Kunstforum International, Bd. 231/Kunstverweigerungskunst 1, Verweigerung als schöpferische Provokation, S.93)

Seit nun fast 40 Jahren geistert die Beuyssche Badewannen-Legende durch die Köpfe der Kunstwelt, immer ein bisschen anders erzählt und manchmal dann auch in Gänze mit der Fettecke verwechselt.  Neben dem Faktor des Amüsements wird sie gerne als Beispiel dafür hergenommen, dass es oft nur Fachkreisen gelinge, Kunst von Müll zu unterscheiden. Auch die weißlich-kalkige Schicht von Martin Kippenbergers Installation „Wenn’s anfängt durch die Decke zu tropfen“(http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/weggeschrubbte-kippenberger-installation-die-putzteufelin-a-795709.html) konnte anscheinend nur von KunstkennerInnen als Patina denn Schmutzwasser erkannt werden.

Einen Tipp zum Umgang mit „Dingen“ gibt die Künstlerin Ramona Menze-Kuhn am 12. Februar diesen Jahres in der Landesschau Baden Württemberg, nachdem ihre Installation aus Rettungsdecken in der Philippuskirche in Mannheim der versehentlichen Kunstzerstörung zum Opfer fiel. „Selbst wenn man jetzt keine Ahnung hat von Kunst – muss man ja auch nicht“, so die Künstlerin, „ dann sollte man trotzdem Respekt haben vor dem, was hier ist und nicht einfach Hand anlegen und es wegschmeißen in die Mülltonne.“
Die Stimme aus dem Off rät im Bericht zu Gelassenheit. So wurde in diesem Fall der Putzfrau verziehen und Ramona Menze-Kuhn hat aus der Not eine Tugend gemacht. „Nach diesen ganzen Emotionswallungen, die ich so hatte, hab ich mich dann entschlossen, etwas Neues daraus zu machen und so hab ich die Mülltonne mit den Rettungsdecken so wie sie (die Putzfrau) sie draußen hingestellt hat, hier zu dem Kunstwerk hingestellt.“ Kann Müll also doch Kunst sein?

Fest steht auf jeden Fall, und das wissen wir alle: Unwissenheit schützt vor Strafe nicht. So machte sich schon der schrullige Zauberer in Richard Carpenters „Catweazle“ keine Freunde, als er fälschlicherweise annahm, dass der Bildhauer John Gobling ein dämonischer Zauberer sei, der Menschen zu Stein verwandeln könne. Sein gut gemeinter Rettungsversuch, die steinernen Skulpturen wieder zum Leben zu erwecken, führte jedoch direkt ins Chaos (genauer: zur Verwüstung des Künstlerateliers)  und zu deren (zweifellos) unbeabsichtigten Zerstörung. Catweazle hatte sich geirrt und wurde mit dem Zorn des Bildhauers bestraft.

Im Jahr 2016 sind Catweazle und Co. längst nicht mehr allein. Ohne böse Absicht geht jährlich viel Kunst zu Bruch. Dabei stechen vor allem zwei Akte des versehentlichen Kunstzerstörens auf Meisterklassenniveau heraus.

Cecilia Giménez. Auch sie hatte sich „geirrt“. Die mittlerweile 85- jährige Dame aus dem spanischen Borja bei Sargossa meinte es nur gut, als sie sich eigens ermächtigt im Sommer 2012 der Restauration eines Jesus-Freskos des Malers Elias Garcia Martinez (19. Jhdt.) annahm. Mit festem Pinselstrich erschuf sie in der Kirche Santuario de Misericordia eine Kreatur, die eher an unsere biologischen denn geistlichen Vorfahren erinnert. Der Skandal ging wochenlang durch alle Medien. Giménez selbst sagt, sie habe „spontan und mit guten Absichten“ gehandelt.

Einen ähnlichen Hype löste die slapstick-taugliche Aufnahme eines taiwanesischen Schuljungen aus, der bei einem Ausrutscher in ein $ 1,5 Millionen teures Gemälde von Paolo Porpora aus dem 17. Jahrhundert plumpste und dieses mit einem Loch versah. Die kurze Sequenz des Fall(en)s wurde im Netz in allen erdenklichen Video-Versionen gezeigt (mit Sound, kommentiert, wiederholt, in Zeitlupe, etc.). Mittlerweile werden unter „Schlimmer als der Stolperjunge aus Taiwan“ auf einem Blog (http://www.travelbook.de/welt/schlimmer-als-der-stolperjunge-diese-5-trampel-touris-haben-kunstschaetze-zerstoert-685830.html) weitere KunstzerstörerInnen als „Trampeltouris“ angekündigt, wie z.B. „High-Five-Selfie mit Heiliger Madonna“ oder „beim Selfie-Stunt Herkules-Krone zerstört.“

„Begründungen für Anschläge auf Kunstwerke (insbesondere auf moderne) sind ebenso selten wie dürftig; dies hat weniger mit dem Fehlen von Motiven als mit deren Illegitimität zu tun. Ein Problem, das die Täter zu umgehen versuchen, indem sie anonym bleiben und Stillschweigen bewahren.“ (Zerstörte Kunst – Bildersturm und Vandalismus im 20. Jahrhundert, Dario Gamboni, S.298 ) Doch neben Spott und Unverständnis sympathisieren wir auch mit den AkteurInnen  unbeabsichtigter Kunstzerstörung – aufgrund der Unschuld, die ihren Taten innewohnt? Wegen der Komplizenschaft von Komik und Entsetzen, da sie sich „der aggressiven Logik des Witzes bedienen“?
„Eine andere Lösung (neben dem Stillschweigen)“ erweist sich laut Dario Gamboni als „noch ökonomischer, weil sie einerseits den Angriff verschärft und zugleich den Täter entlastet“: man erklärt, „das Kunstwerk sei nicht vorsätzlich, sondern aus Versehen beschädigt worden, weil man es nicht als Kunstwerk erkannt habe.“(Zerstörte Kunst – Bildersturm und Vandalismus im 20. Jahrhundert, Dario Gamboni, S.298 )

Am 20. Juni 2014 war es dann endlich soweit, die Kunst schnappte zu: Bei dem Versuch, in die über vier Meter hohe, „steinerne Vulva“ des peruanischen Künstlers Fernando de la Jara zu klettern, tappte ein Austauschstudent vor dem Universitätsklinikum Tübingen in die Falle. Er blieb mit seinem Bein in dem Spalt stecken und  war in der Kunst gefangen, umschlossen von Veroneser Marmor.

 


 

2017: Augsburg vs. Midwich

Kann ein Schwamm das Böse bekämpfen? Die Beantwortung dieser Frage mit „ja“ scheint im ersten Moment absurd oder schlichtweg falsch. Widerlegende Beweisführungen gibt es allerdings keine oder sie sind (mir) zum momentanen Zeitpunkt nicht bekannt. Dieser Text glaubt an die Magie des Schwamms und versucht eine Untersuchung im Detail.

„Schwamm drüber? Kunstwerk in Augsburg zerstört: Ein zerstörtes Kunstwerk sorgt in Augsburg für Aufregung. Der überdimensionale Spülschwamm, so der Künstler Michel Abdollahi, sei ein „Zeichen gegen Hass und Rassismus, der „das Böse symbolisch aufsaugen“ könne. Jetzt aber fehlen in dem Schwamm große Stücke.“

Die Kunstinstallation „Der Schwamm“ von Michel Abdollahi wurde bereits einen Tag nach ihrer Eröffnung am 21.7.2017 zerstört.

Wer den Horrorklassiker „Dorf der Verdammten“ kennt, dem schaudert beim Anblick des dazu kursierenden Fotos: Der überdimensionale gelbe Schwamm ist umhüllt von einer Kinderschar, an ihm hängend, aufgereiht, dicht an dicht, Seite an Seite. (Ein wenig könnte man meinen sie würden gerade gemeinsam an dem Schwamm nagen.) Nächstes Foto: Der Schwamm, nun ohne die Kinder, ist zerstört, zerlegt, zerrupft. Zerlöchert ähnelt er nun einem großen Käse. Vereinzelt streunen noch ein paar Kinder zwischen den zerfetzten Schaumstoffstücken herum.

Im „Dorf der Verdammten“ bringen Kinder das Böse über die Idylle des Dorfes Midwich. Sie manipulieren mit Blicken ihre Umwelt. Telepathisch miteinander verbunden zerstören sie alles, was sich ihnen in den Weg stellt. Die Blicke der Augsburger Kinder sind auf dem Foto größtenteils nicht zu erkennen, die Gesichter meist abgewandt. Hatten auch sie sich zur telepathischen Kräftebündelung getroffen?

Der Vorwurf wurde laut, die Eltern hätten in ihrer Aufsichtspflicht versagt. Auch im Film verlieren die Erwachsenen nach und nach jeglichen Einfluss auf die Kinder. Sprengt nicht am Ende der nette Hausarzt Dr. Alan Chaffee die autark gewordene Kindergruppe inklusive seiner Selbst in die Luft?

Hat der Schwamm nun das Böse erweckt? Es scheint, als wurde es von ihm angezogen wie beim Gläserrücken. Und dann war es da, das Böse. Einmal aufgesogen ist er es nicht mehr losgeworden. Ein zu überdenkender Fehler im System / in der Konstruktion des Schwamms. Dazu das Facebook Posting vom 29.Juli 2017 von Michel Abdollahi: „Auf dieser Seite haben uns noch nie so viele Hassbotschaften, Gewaltfantasien und Morddrohungen erreicht, wie nach der Aufstellung des Schwamms in Augsburg. Und wir haben noch nie so viele Kommentare gelöscht und Nutzer gesperrt. Es ist eigentlich nicht zu glauben, aber anscheinend fühlen sich so viele Menschen von einem Schwamm so dermaßen provoziert, dass sie bereit sind, sich strafbar zu machen, sei es durch Beleidigungen, Bedrohungen oder anderen Aufrufen zur Gewalt.“

Wieviel negative Energien kann man in sich aufnehmen, ohne selbst daran zu Grunde zu gehen? Dr. Alan Chaffee aus Midwich sprengt sich gemeinsam mit „dem Übel“ in die Luft und auch der Exorzist stürzt sich nach Aufsaugen des Dämons aus Regans Körper durch das Fenster in den Tod. Sollte der Schwamm wirklich das Böse aufsaugen können, so sollte der Künstler unbedingt an dessen Neutralisierungsfunktion (energetische Selbstreinigung) arbeiten. Der vollständige Funktionsablauf wäre Böses anziehen, absorbieren, zerstören und schließlich neutralisieren. Das System „Schwamm“ scheint noch nicht in Gänze ausgereift. Bereits 2016, bei seiner ersten Präsentation, überstand der Schwamms nur kurz die Eröffnung. „Hamburg 2016: Zwei Tage nach der Zerstörung des Kunstwerks „Der Schwamm“ in der Hamburger Hafencity hat die Polizei noch keine Spur von den Tätern. Die vier mal zwei Meter große Installation des Hamburger Künstlers Michel Abdollahi – aufgestellt am 7. Oktober – war am Sonntagabend abgebrannt. Da die Polizei eine politisch motivierte Brandstiftung nicht ausschließen kann, hat der Staatsschutz die Ermittlungen übernommen.“

Die sich wiederholende Zerstörung des Schwamms als Anti-Symbol beweist seine Wirkung, zeigt aber auch das unkontrollierbare Ausmaß beim „Spiel“ mit den dunklen Mächten. Der Schwamm ist mit seiner Antiwirkung auch nicht alleine. Über dem Bett aufgehängt, soll ein Traumfänger böse Träume auffangen und so den Schlaf verbessern. Dass ein Traumfänger jedoch ein energetisches Desaster ist, wissen die Wenigsten: Er filtert nicht nur schlechte Träume, er zieht auch andere negative Energien an, da macht er keinen Unterschied.

„Storm“ aus dem Esoterikforum schreibt: Hallo! Was ich eigenartig fand, war vor paar Wochen passiert. Ich war mit Kollegen in einer Disko und ich war um Null Uhr wieder daheim und ging ins Bett. Ich habe zwei Traumfänger im Zimmer über dem Bett hängen und diese Nacht hatte ich Alpträume und ich hatte so Angst, dass ich angefangen hab zu Heulen, weil ich Geister sah und Fratzen und Leute, die mich ertränken wollten, weil sie meinten, in mir sei ein böser Geist, obwohl das nicht stimmte. Ich hatte noch nie so viel Angst vor einem Traum. Ich hab die nächsten Tage die Lichter im Zimmer an, weil ich Angst hatte, dass die Träume wiederkommen. Gott sei Dank, kamen sie aber nicht wieder. Woran das wohl lag?

„Silberpanther“ antwortet: Nun ja, ich hatte auch einen Traumfänger. Original in der USA gemacht. Ich hatte früher echt starke Albträume, aber seit der Traumfänger in meinem Zimmer hing, waren alle Träume weg. Doch vor einem halben Jahr hat sich mein Haustier daran erhängt. Seitdem der Traumfänger mit Blut in Berührung kam, hat er praktisch keine Wirkung mehr… ich hab wieder Albträume und fühle mich beim Schlafen in meinem Zimmer sehr unwohl.

 


 

 

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