Artist in Residence in Artist in Residence (2011/12)

 


 

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Shared Service Center: Über Ressourcenoptimierung und konzeptuelle Konsequenz

„Nur ein Buchstabe (..) unterscheidet „Dekonstruktion“ vom vertrauteren Begriff „Rekonstruktion““, schreibt Jochen Hörisch (Hörisch, Jochen: Theorieapotheke. Eine Handreichung zu den humanwissenschaftlichen Theorien der letzen fünfzig Jahre, einschliesslich ihrer Risiken und Nebenwirkungen, Suhrkamp, Frankfurt (M) 2010, S.87) zu Beginn seines Artikel über Jacques Derridas Methode, Konstruktionen auf ihre Überzeugungskraft zu untersuchen. Es ist eine erprobte Herangehensweise, etwas zu zerlegen und wieder zusammen zu setzen. Der Einfachheit halber möge man sich einen Wecker denken. Dabei wird offensichtlich, wie Einzelteile und Innenleben mit der sichtbaren Hülle zusammenhängen. Für sich allein birgt keiner der beiden Schritte vergleichbaren Gewinn. Nur das Wissen um die anschließende Rekonstruktion lässt jedem Detail des Zerlegens höchste Aufmerksamkeit zukommen.

Ein Mechanismus und seine Gereiztheiten – Gleichzeitig gehört eine gewisse Ungerührtheit dazu, in Fällen mit mehr gesellschaftspolitischer Schlagkraft als dem Wecker, den Mechanismus des Zerlegten zu wiederholen, ihn erneut in Gang zu setzen und seine Funktionsweise zu bestätigen. Wer sich wie Santiago Sierra oder Boris Mikhailov seiner (monetären) Macht bedient, um in der Reproduktion repressiver Verhältnisse seine Werke zu begründen, macht sich angreifbar (Santiago Sierra (1961), spanischer Konzeptkünstler, provoziert regelmäßig durch seinen Umgang mit Geld, Macht und Leiharbeit, wie in „250 cm line tattooed on 6 paid people“,1999; Boris Mikhailov (1938), ukrainischer Fotograf u. Künstler, ist bekannt geworden durch seine entblößenden Aufnahmen bezahlter Randständiger und Obdachloser, wie in „Case History“, 1997/98) . Eine ähnliche Nüchternheit hat Lena Lieselotte Schuster an den Tag gelegt in dem Moment, wo sie ihre eigene Künstlerresidenz, im klassischsten Sinne, im Oktober vergangenen Jahres noch einmal ausgeschrieben hat.

 


 

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Die 1981 geborene Künstlerin nennt es „Artist in Residence in Artist in Residence“. Es gelten die bekannten Spielregeln: Ausschreibung, Bewerbung, Beurteilung, Auswahl. Noch einmal locken die üblichen Anreize: 14 Tage ohne Unkosten, 500 €, Katalog, Ausstellung, Aufmerksamkeit. Mit geteiltem Budget wiederholt Lena Lieselotte Schuster den Mechanismus Künstlerresidenz und katapultiert sich zusammen mit den drei weiteren Künstlern des Residenzprogramms „Artmix“ in die Rolle der Jury. Bereits an diesem Punkt hat der Mechanismus viel von seiner Funktionsweise preisgegeben. Doch zur Wiederholung gesellt sich neben dem hierarchischen Upgrade ein neuer Aspekt: Der vermarktbare, preisgekrönte Künstler teilt sich entzwei. Anstelle prominenter Alleinstellung tritt Teilhabe.

 


 

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Am Rand – Wir haben uns im Lauf der Zeit daran gewöhnt, dass in der Arbeitswelt das wenigste ist, wie es zu sein scheint. Wer arbeitet, sieht nicht danach aus, wer sich verausgabt, arbeitet nicht,  sondern betreibt sein Hobby. Es sind die gesellschaftlichen Randbereiche, wo sich beides deckt: Wer in seiner Tätigkeit offensichtlich und wiedererkennbar seinen Beruf auslebt, reiht sich ein in Folklore-Erscheinungen – wie Taxifahrer, Künstler oder Bettler (dieses Phänomen taucht im Werk von LLS immer wieder auf, siehe z.b.: Bettelmania: ein praxisorientierter Selbstversuch, 2010 und Workout – praxisorientierte Installation, 2010). Lena Lieselotte Schuster macht einen Schritt aus der künstlerischen Randständigkeit hin zur ökonomischen Realität.

 


 

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Arbeitsprozesse in allen Bereichen sind bedingt vom bestmöglichen Ausnutzen gegebener Ressourcen. Dabei gilt das Verhältnis verbrauchter Ressourcen und erzielter Resultate branchenunabhängig als Kriterium um zu entscheiden: Läuft das? Lohnt sich das? Mache ich weiter so? Effizienzsteigerung ist in diesem Sinne eine schlicht evolutionäre Überlebenstechnik. Gleichzeitig ist höchste Effizienz das unhinterfragbare Ziel ökonomischer Zusammenhänge.

Outsourcing gehört zu den prägenden Begriffen im Wirtschaftsvokabular des letzten Jahrzehnts. Lena Lieselotte Schuster bedient sich dieser betriebswirtschaftlichen Modeerscheinung, die die optimale Nutzung vorhandener Ressourcen verspricht. Zum Verständnis von Outsourcing- Prozessen finden wir auf der Netzseite einer Beratungsfirma: Die Auslagerung bestimmter Prozesse  „in spezialisierte Serviceeinheiten schafft den erforderlichen Freiraum, die strategisch relevanten Funktionen (…) und der ihn unterstützenden Competence Center aufzubauen.“ (Kienbaum Management Consultants: siehe www.kienbaum.de)

 


 

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Resourcen Outsourcen – Wer keine Angst vor Kontrollverlust hat, dem winkt die vielversprechende Konzentration aufs Kerngeschäft. Dass dieses, die Kunst betreffend, nicht zwangsläufig in der Produktion liegt, hat der Konzeptkünstler Lauwrence Weiner in seinen 1969 / 72 veröffentlichten Statements auf den Punkt gebracht :
1. Der Künstler kann die Arbeit realisieren
2. Die Arbeit kann von anderen hergestellt werden
3. Die Arbeit braucht nicht ausgeführt werden
(Harrison, Charles u. Wood, Paul (Hrsg.): Kunsttheorie im 20. Jahrhundert: Künstlerschriften, Kunstkriik, Kunstphilosophie, Manifeste, Statements, Interviews. Für die d. Ausgabe erg. von Sebastian Zeidler (übers.: Jürgen Blasius…), Ostfildern-Ruit: Hatje, (Bnd.1, 2), 1998, S. 1075)
Während Zeitgenossen Weiners (wie Donald Judd mit seinen „Boxes“) die industrielle Fertigung salonfähig gemacht haben, gingen Künstler der folgenden Jahrzehnte, beispielhaft Martin Kippenberger in seinem Werkzyklus „Lieber Maler, male mir“ (1981), noch einen Schritt weiter. Um „Missverständnisse zu vermeiden“, überlegte das Auktionshaus Christies 2009 nach der Versteigerung von Martin Kippenbergers Bild „Paris Bar“ (1992),  „ob man in Zukunft nicht einfach „dazuschreibt, wer die Aufträge ausführt““ (Siehe dazu ein Bericht des Spiegels Nr., 2009: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,658250,00.html). Es hatte nachträglich Verwirrung gegeben, da sich als ausführender Maler nicht Kippenberger selbst, sondern der von ihm beauftragte Götz Valien entpuppte. (Dass Christies Einwände des Käufers bezüglich des rekordverdächtigen Kaufpreises befürchtete, wirft Licht auf die allgemeine gesellschaftliche Akzeptanz einer künstlerischen Praxis, die sich von der unverwechselbaren Handschrift verabschiedet hat.)
Dieses Dilemma umgeht Lena Lieselotte Schuster und verabschiedet sich konsequenterweise im Rahmen von AIRAIR von jeglichem Auftragscharakter.

 


 

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Ein weiteres Resümee aus der Managementliteratur hält fest: „Outsourcing ist grundsätzlich eine sinnvolle Option. Je kleiner das Unternehmen, desto sinnvoller ist es, sämtliche Randprozesse auf Outsourcing zu überprüfen.“ (Deipenbrock, Fremdvergabe und Outsourcing: siehe http://www.diag-mav-muenster.de/Dokumentationen/Altenheimtagung/Deipenbrock,%20Fremdvergabe%20und%20Outsourcing.pdf). Entscheidend ist folglich die Unterscheidung von Kernaufgaben und Randprozessen. Doch was sind mögliche „Kernaufgaben“ und „Randprozesse“ der Kunstproduktion?

Es scheint konzeptuell nur konsequent, sich nicht mit derart grundlegenden Unterscheidungskriterien aufzuhalten. AIRAIR hat sich als Werbemaßnahme höchst wirkungsvoll erwiesen: 1464 Besucher weltweit haben der Webseite a.i.r.a.i.r im Schnitt mehr als eine Minute gewidmet.

Inzwischen läuft alles seinen gewohnten Gang: Eine französische Bildhauerin, Hélène Juillet (*1985 in Dijon,Frankreich; sie hat bei Richard Deacon, sowie Tadaski Kawamata an der École Nationale Supérieure des Beaux Arts(ENSBA) in Paris studiert und 2010 mit dem Diplom abgeschlossen; lebt und arbeitet in Courtenot und Paris), konnte die fünfköpfige Jury überzeugen. Die 39 weiteren Bewerber haben sehr freundliche Absagen erhalten.

 


 

 

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Schöpfung und Erschöpfung – Die Erwartungen von Publikum und Institution laufen ins Leere, wenn ein Künstler einmal lieber nichts zeigt. Bleibt er hinter den Kulissen stehen, fällt das Rampenlicht durch die schütteren Stellen des Vorhangs. Die ganze Bühne scheint mit einem Mal sehr staubig.
Doch Lena Lieselotte Schuster zieht sich nicht auf diese Position zurück (die unter anderem dazu führen würde, dass innerhalb kürzester Zeit niemand mehr guckt). Wir erleben stattdessen die Echtzeit-Variante einer der traditionsreichsten Techniken unserer Kulturgeschichte. Das Bild im Bild, erzählt  auf mehreren Ebenen von derselben Sache und stellt im selben Moment seine eigene Fiktionalität zur Schau. In ihrem Auftritt hinter und vor den Kulissen gleichzeitig, unterstützt von state-of-the-art-Fachkompetenz, gelingt Lena Lieselotte Schuster damit ein seltenes Kunststück: Das Zerlegen und wieder Zusammensetzen in Einem, die optimale Nutzung eigener Ressourcen, höchste Konzentration und Relevanz bei größtmöglicher Kundenzufriedenheit.

Text: Mirjam Bayerdörfer

Mirjam Bayerdörfer arbeitet am Lehrstuhl für Architektur und Kunst von Karin Sander, D-ARCH, ETH Zürich; 2013–2015 Assistentin des Postgraduierten-Programms „Curating“ der Zürcher Hochschule der Künste; 2010 Gründung und Vorsitz des Neuen Saarbrücker Kunstvereins (Vorsitz bis 2015); Studium der Kunst in Zürich (ZHdK) und Saarbrücken (HBKsaar). 2013 Master in Kuratieren

 


 

FourOnGermanCarpet4Four on German Carpet, Hélène Juillet, 2012


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