Antiproduktion – Transformation einer Einzelausstellung (2012)

 


 

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Das, was Sie heute hier erleben, ist der Albtraum eines jeden Künstlers: Vernissage und die Ausstellung hängt noch nicht. Die Gäste sind da, die Getränke kaltgestellt, der Redner hat angefangen und das Aufbauteam hantiert noch mit dem Zollstock.

Lena Lieselotte Schuster hat es nicht anders gewollt. Mit „Antiproduktion – Transformation einer Einzelausstellung“ – so der Titel ihres  Projekts – will die Künstlerin die gängigen Spielregeln der künstlerischen Produktionskette durchbrechen. „Antiproduktion“ ist ein Ansatz, der sich gegen die konventionelle Produktion von Kunst wendet: sowohl gegen den traditionellen künstlerischen Schaffensprozess, als auch die üblichen Formen der Präsentation und Vermarktung. Aus den kreativen, ökonomischen und logistischen Überlegungen, die ein Ausstellungsprojekt vom Musenkuss bis zur Eröffnung begleiten, klinkt Lena Lieselotte Schuster sich aus, indem sie ihre künstlerische Verantwortung an das Publikum abgibt. Für Inhalt und Präsentation dieser Ausstellung sind die BesucherInnen zuständig. Sie besorgen die Kunst – ob selbst gefertigt oder aus Ihrer privaten Sammlung. Sie arrangieren die Objekte im Ausstellungsraum.

 


 

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Lena Lieselotte Schuster inszeniert auf diese Weise einen Rollentausch, bei dem der Besucher zum aktiven Gestalter der Ausstellung wird. Sie selbst hingegen zieht sich zurück. Indem sie bewusst aus dem Rampenlicht tritt, spielt sie mit dem Status des Künstlers und seiner jahrhundertelangen Emanzipation vom anonymen Handwerker zum gefeierten Feuilletonstar, der die Selbstvermarktung mitunter zum Bestandteil seiner Kunst macht. Lena Lieselotte Schusters Rolle besteht lediglich darin, dem Publikum als technische Hilfskraft zur Hand zu gehen. Leihverkehr, Versicherung, Arthandling – die Backstagearbeit einer Ausstellungsplanung wird zu ihrem performativen Akt.

 


 

 


 

Damit wird das Ausstellungsmachen selbst zum Event. Die Einzelausstellung, die unter ihrem Namen angekündigt wurde, transformiert Lena Lieselotte Schuster in ein gemeinschaftliches Happening. Ähnliches tat sie bereits bei einer ihrer vergangenen Arbeiten „Artist in Residence in Artist in Residence“, bei der sie 2011/12 ihr hart erarbeitetes Residenzstipendium neu ausschrieb und an einen anderen Künstler weitergab. Bei „Antiproduktion“ geht sie noch einen Schritt weiter: Hier sind es nicht zwangsläufig Kollegen, die die Ausstellungsfläche gestalten dürfen. Hier sind auch Laien involviert. Statt nur einem Künstler präsentieren viele Kunstinteressierte, was sie als ausstellungswürdig erachten – ohne Jury, ohne Kurator, der dieses kreative Treiben in irgendeiner Form reglementieren könnte.

Wie disparat die Kunstvorstellung – der gute Geschmack – dabei sein kann, ist kein Kriterium für den Erfolg des Projekts. Im Gegenteil: Je fragwürdiger die Auswahl der hier gezeigten Objekte, desto intensiver die Auseinandersetzung mit der Frage, was die Anwesenden unter Kunst überhaupt verstehen. Es entsteht ein Austausch über die Vorstellungen von und Erwartungen an Kunst, bei dem der Besucher nicht nur Kritiker ist, sondern als Künstler beziehungsweise Aussteller selbst mit dem Urteil der Öffentlichkeit konfrontiert wird.
Obwohl Lena Lieselotte Schuster sich aus der Bestückung der Ausstellung herausnimmt, produziert sie mit ihrem Konzept somit dennoch etwas: Kommunikation über Kunst.

 


 

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Methodisch und inhaltlich reiht sie sich damit in die Tradition einer „Kunst über Kunst“, wie sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Marcel Duchamp oder, seit den 1960er Jahren, in der Concept Art Joseph Kosuths aufgegriffen wird. „Die Kunst ist die Idee“ sagt Joseph Kosuth und reduziert seine Werke daher teilweise auf eine schriftliche Äußerung seiner Gedanken. Nicht die materielle Verwirklichung, sondern das Denken über Kunst steht für ihn im Zentrum seines Werks. Hinter diesem Kunstverständnis verbirgt sich die alt überlieferte, philosophische Überlegung, dass auf dem langen Weg vom Gedanken zur Hand eine Menge künstlerisches Potential verloren gehe. Die Idee sei somit die Reinform der Kunst. Weniger – oder eben „Antiproduktion“ – ist also in diesem Fall mehr.

Text: Alexandra Orth, M. A.

Aufbau-Team: Pia Müller, Mert Akbal
Türsteher: Christian Wiersch
Fotos: Banu Ahibay

 


 

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Fragebogen zur Antiproduktion