Fiasco meets Disaster: Catweazle vs Cecilia Giménez

 


 

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Fiasko steht der Definition nach für einen großen Misserfolg, Fehlschlag oder Reinfall. Ursprünglich aus der Theatersprache kommend, bedeutet es ein Stück, das beim Publikum nicht ankommt. Fiasco bezeichnet im Italienischen auch eine dickbauchige Weinflasche (Duden, Herkunftswörterbuch, Mannheim 2001, S. 215). Fiaskos Fiasko ist eine Episode aus der achten Staffel von Spongebob Schwammkopf, in der Plankton aus Versehen ein Kunstwerk des Künstlers Fiasko statt eines Krabbenburgers stiehlt.

Desaster wird als Unglück, Zusammenbruch und katastrophaler Misserfolg definiert. Die wörtliche Übersetzung aus dem Französischen désastre und dem Italienischen disastro ist „Unstern“. (Duden, Herkunftswörterbuch, Mannheim 2001, S. 141.)

Das unbeabsichtigte Zerstören von Kunst hat Tradition und könnte sich, wäre es nicht „ohne Absicht“ passiert, einreihen als performativer Akt zwischen Antikunst und Verweigerungskunst, „(…) die das destruktive Moment nutzen, um Unruhe, einen Bruch mit dem Gefügten und Glänzenden, mit dem Geschmackvollen und Fetischhaften der Kunst zum Ausdruck zu bringen.“ (Kunstforum International, Bd. 231/Kunstverweigerungskunst 1, Verweigerung als schöpferische Provokation, S.93)

Seit nun fast 40 Jahren geistert die Beuyssche Badewannen-Legende durch die Köpfe der Kunstwelt, immer ein bisschen anders erzählt und manchmal dann auch in Gänze mit der Fettecke verwechselt.  Neben dem Faktor des Amüsements wird sie gerne als Beispiel dafür hergenommen, dass es oft nur Fachkreisen gelinge, Kunst von Müll zu unterscheiden. Auch die weißlich-kalkige Schicht von Martin Kippenbergers Installation „Wenn’s anfängt durch die Decke zu tropfen“(http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/weggeschrubbte-kippenberger-installation-die-putzteufelin-a-795709.html) konnte anscheinend nur von KunstkennerInnen als Patina denn Schmutzwasser erkannt werden.

Einen Tipp zum Umgang mit „Dingen“ gibt die Künstlerin Ramona Menze-Kuhn am 12. Februar diesen Jahres in der Landesschau Baden Württemberg, nachdem ihre Installation aus Rettungsdecken in der Philippuskirche in Mannheim der versehentlichen Kunstzerstörung zum Opfer fiel. „Selbst wenn man jetzt keine Ahnung hat von Kunst – muss man ja auch nicht“, so die Künstlerin, „ dann sollte man trotzdem Respekt haben vor dem, was hier ist und nicht einfach Hand anlegen und es wegschmeißen in die Mülltonne.“
Die Stimme aus dem Off rät im Bericht zu Gelassenheit. So wurde in diesem Fall der Putzfrau verziehen und Ramona Menze-Kuhn hat aus der Not eine Tugend gemacht. „Nach diesen ganzen Emotionswallungen, die ich so hatte, hab ich mich dann entschlossen, etwas Neues daraus zu machen und so hab ich die Mülltonne mit den Rettungsdecken so wie sie (die Putzfrau) sie draußen hingestellt hat, hier zu dem Kunstwerk hingestellt.“ Kann Müll also doch Kunst sein?

Fest steht auf jeden Fall, und das wissen wir alle: Unwissenheit schützt vor Strafe nicht. So machte sich schon der schrullige Zauberer in Richard Carpenters „Catweazle“ keine Freunde, als er fälschlicherweise annahm, dass der Bildhauer John Gobling ein dämonischer Zauberer sei, der Menschen zu Stein verwandeln könne. Sein gut gemeinter Rettungsversuch, die steinernen Skulpturen wieder zum Leben zu erwecken, führte jedoch direkt ins Chaos (genauer: zur Verwüstung des Künstlerateliers)  und zu deren (zweifellos) unbeabsichtigten Zerstörung. Catweazle hatte sich geirrt und wurde mit dem Zorn des Bildhauers bestraft.

Im Jahr 2016 sind Catweazle und Co. längst nicht mehr allein. Ohne böse Absicht geht jährlich viel Kunst zu Bruch. Dabei stechen vor allem zwei Akte des versehentlichen Kunstzerstörens auf Meisterklassenniveau heraus.

Cecilia Giménez. Auch sie hatte sich „geirrt“. Die mittlerweile 85- jährige Dame aus dem spanischen Borja bei Sargossa meinte es nur gut, als sie sich eigens ermächtigt im Sommer 2012 der Restauration eines Jesus-Freskos des Malers Elias Garcia Martinez (19. Jhdt.) annahm. Mit festem Pinselstrich erschuf sie in der Kirche Santuario de Misericordia eine Kreatur, die eher an unsere biologischen denn geistlichen Vorfahren erinnert. Der Skandal ging wochenlang durch alle Medien. Giménez selbst sagt, sie habe „spontan und mit guten Absichten“ gehandelt.

Einen ähnlichen Hype löste die slapstick-taugliche Aufnahme eines taiwanesischen Schuljungen aus, der bei einem Ausrutscher in ein $ 1,5 Millionen teures Gemälde von Paolo Porpora aus dem 17. Jahrhundert plumpste und dieses mit einem Loch versah. Die kurze Sequenz des Fall(en)s wurde im Netz in allen erdenklichen Video-Versionen gezeigt (mit Sound, kommentiert, wiederholt, in Zeitlupe, etc.). Mittlerweile werden unter „Schlimmer als der Stolperjunge aus Taiwan“ auf einem Blog (http://www.travelbook.de/welt/schlimmer-als-der-stolperjunge-diese-5-trampel-touris-haben-kunstschaetze-zerstoert-685830.html) weitere KunstzerstörerInnen als „Trampeltouris“ angekündigt, wie z.B. „High-Five-Selfie mit Heiliger Madonna“ oder „beim Selfie-Stunt Herkules-Krone zerstört.“

„Begründungen für Anschläge auf Kunstwerke (insbesondere auf moderne) sind ebenso selten wie dürftig; dies hat weniger mit dem Fehlen von Motiven als mit deren Illegitimität zu tun. Ein Problem, das die Täter zu umgehen versuchen, indem sie anonym bleiben und Stillschweigen bewahren.“ (Zerstörte Kunst – Bildersturm und Vandalismus im 20. Jahrhundert, Dario Gamboni, S.298 ) Doch neben Spott und Unverständnis sympathisieren wir auch mit den AkteurInnen  unbeabsichtigter Kunstzerstörung – aufgrund der Unschuld, die ihren Taten innewohnt? Wegen der Komplizenschaft von Komik und Entsetzen, da sie sich „der aggressiven Logik des Witzes bedienen“?
„Eine andere Lösung (neben dem Stillschweigen)“ erweist sich laut Dario Gamboni als „noch ökonomischer, weil sie einerseits den Angriff verschärft und zugleich den Täter entlastet“: man erklärt, „das Kunstwerk sei nicht vorsätzlich, sondern aus Versehen beschädigt worden, weil man es nicht als Kunstwerk erkannt habe.“(Zerstörte Kunst – Bildersturm und Vandalismus im 20. Jahrhundert, Dario Gamboni, S.298 )

Am 20. Juni 2014 war es dann endlich soweit, die Kunst schnappte zu: Bei dem Versuch, in die über vier Meter hohe, „steinerne Vulva“ des peruanischen Künstlers Fernando de la Jara zu klettern, tappte ein Austauschstudent vor dem Universitätsklinikum Tübingen in die Falle. Er blieb mit seinem Bein in dem Spalt stecken und  war in der Kunst gefangen, umschlossen von Veroneser Marmor.

 


 

Fiasco, per definition, stands for a complete and ignominious failure. Originally from theatre language, it means to fail in a performance. In Italian fiasco also means a bottle, a round-bottomed flask. (Oxford Dictionaries, http://www.oxforddictionaries.com/definition/english/fiasco.) Fiasco! is an episode from the eighth season of SpongeBob Squarepants, in which Plankton accidentally steals an artwork by the artist Fiasco instead of a Krabby Patty.

Disaster is defined as misfortune, collapse, and catastrophic failure. The literal translation from French désastre and Italian disastro is dis-star, an “ill-stared event”. (Oxford Dictionaries, http://www.oxforddictionaries.com/definition/english/disaster.)

The unintentional destruction of art has tradition and could – if it had not happened “without intention” – rank as a performative act between anti-art and art of refusal, “[…] which uses the destructive momentum to express unease, a break with the composed and shiny, with the tasteful and fetish-like of art”. (Kunstforum International, Bd. 231/Kunstverweigerungskunst 1, Verweigerung als schöpferische Provokation, 93.) The Beuysian bathtub legend has been haunting the heads of the art world for over 40 years now, always told with a different twist and sometimes mistaken for the Fat Corner story altogether. Besides the amusement factor, it is happily taken as an example that often only experts can distinguish art from trash. Likewise, only art connoisseurs were apparently able to identify the whitish-chalky layer in Martin Kippenberger’s installation “Wenn’s anfängt durch die Decke zu tropfen” [When It Starts Dripping From The Ceiling] (The Guardian, “Overzealous cleaner ruins £690,000 artwork that she thought was dirty”, http://www.theguardian.com/artanddesign/2011/nov/03/overzealous-cleaner-ruins-artwork.) as patina and not dirt water stains.

On February 12, 2016 Romana Menze-Kuhn had a tip about how to treat “things” during the provincial exhibition in Baden Württemberg, after her installation with golden rescue blankets in the St. Philippus Church in Mannheim had fallen prey to an accidental destruction of art. “Even when you don’t know anything about art – which is totally OK – you should still have some respect for what is there, and not simply go and throw it in the garbage bin,” says the artist.
The voice-over in the report advises to remain calm. In this case, the cleaning woman was forgiven, and Romana Menze-Kuhn made a virtue of necessity: “After the whole emotional rollercoaster I went through, I decided to create something new out of it and placed the garbage bin with the rescue blankets here by the artwork, exactly as the cleaning lady had left it outside.” So trash can be art after all?

One thing is certain, and we all know it: Ignorance is no excuse in law. Already the quirky magician in Richard Carpenter’s “Catweazle” did not exactly make himself any friends with his assumption that sculptor John Gobling was a demonic magician who could turn humans into stones. His well-intended rescue attempt to re-animate the petrified sculptures, however, led directly into chaos (the devastation of the artist studio, to be precise) and their (without doubt) unintentional destruction. Catweazle was wrong and was punished with the rage of the sculptor.

By the year 2016 Catweazle & co are no longer alone anymore. Every year a lot of art is damaged without bad intentions, but two acts of inadvertent art destruction stand out through their mastership:

Cecilia Giménez. She “erred” as well. The lady now of 85 from the Spanish Borja near Saragossa only meant well when she took the initiative in the summer of 2012 to attend to the restoration of a Jesus fresco by the painter Elias Garcia Martinez (19th century). With courageous brush strokes she created a creature in the Santuario de Misericordia church, which was more reminiscent of our biological ancestors than the spiritual ones. The scandal dominated the media for weeks. Giménez herself says that she acted “spontaneously and with good intentions”.

A similar hype was caused by the slapstick footage of a Taiwanese schoolboy who slipped and fell into a 1.5 million-dollar painting by Paolo Porpora from the 17th century, leaving behind a hole. The short sequence of the blunder flooded the Internet in all possible video versions (with sound, commented, looped, in slow motion, etc.)

In the meantime a blog has declared other art destroyers “klutz-tourists” under the title “Worse than the Stumbling Boy from Taiwan”: for example, there’s the “High Five Selfie with the Holy Madonna” or “Hercules Crown Destroyed in Selfie Stunt”. (See Travelbook, “Die 5 Trampel-Touris haben Kunstschätze zesstört”, 27 August 2015, http://www.travelbook.de/welt/schlimmer-als-der-stolperjunge-diese-5-trampel-touris-haben-kunstschaetze-zerstoert-685830.html)

“The scarcity and poverty of reasons given for attacks against art (particularly modern art) is less due to an absence of motives than to their illegitimacy. This problem is generally solved by anonymity and silence.” (6 Dario Gamboni, The Destruction of Art – Iconoclasm and Vandalism since the French Revolution (London: Reaktion Books, 1997), 287.) But despite ridicule and incomprehension we also sympathize with the protagonists of accidental art destruction – because of the innocence inherent in their actions? Due to the complicity of comedy and the shock that one “partakes of the aggressive logic of jokes”?

“Another solution, however, proves to be even more economical,” according to Dario Gamboni, “in that it enforces the attack while exonerating the assailant”: One explains that the artwork “was not damaged deliberately but by mistake, because it was taken to be something else.” (Dario Gamboni, The Destruction of Art – Iconoclasm and Vandalism since the French Revolution (London: Reaktion Books, 1997), 287.)

On June 20, 2014 the time had finally arrived – art bit back: In an attempt to climb into the more than four-meter-high “stone vagina” by the Peruvian artist Fernando de la Jara, an exchange student fell into the trap at Tübingen University. His leg got clamped in the gap and became stuck in the art, surrounded by red Veronese marble.